Kurzgeschichten zum Thema „Familie“ (Mat939)

Worum es hier geht

  • Wir präsentieren hier Kurzgeschichten zum Thema „Familie“ – inzwischen in sechs thematische Gruppen geordnet, die unterschiedliche Dynamiken des familiären Zusammenlebens beleuchten.
  • Am schnellsten findet man eine bestimmte Geschichte über die Stichwortsuche im Browser (Strg+F bzw. Cmd+F).
  • Wer gezielt zu einem bestimmten Teilthema sucht, nutzt am besten unsere Finder-Seite: https://textaussage.de/ta-finder-kurzgeschichte-thema-kommunikation-bereich-familie

1. Generationskonflikte, Abgrenzung und die Suche nach Selbstbestimmung

Diese Geschichten behandeln das Spannungsfeld zwischen den Erwartungen bzw. der Enge des Elternhauses und dem Drang der Kinder nach Unabhängigkeit, eigenen Lebensentwürfen und Selbstverwirklichung.

  • Kimia Tivag, „Nicht mein Grabstein“
    Ein Sohn mit wirtschaftlichem Talent will Musiker werden, sein Vater träumt von der gemeinsamen Zukunft im Familienbetrieb – beim Mittagessen prallen die Vorstellungen aufeinander. Die Geschichte zeigt, wie schwer es ist, eigene Träume gegen familiäre Erwartungen zu verteidigen.
  • 🆕 Kimia Tivag, „Die Tochter“ – oder warum nicht „Eine Tochter“?
    Die Tochter möchte wie ihre Mutter (Lektorin) vom Schreiben und Lesen leben; ihr Vater, KI-Experte, hält das in Zeiten der Künstlichen Intelligenz für aussichtslos. Eine Geschichte, die Mut macht, sich auch in einer Ko-Arbeitswelt von KI und Mensch seinen Platz zu suchen.
  • Marlene Röder, „Wie man ein Klavier los wird“
    Nach dem Unfalltod seines Zwillingsbruders soll ein Junge dessen hohes Niveau im Klavierspiel übernehmen. Höhepunkt ist der Versuch, das Klavier mit Freunden auf den Sperrmüll zu bringen – vereitelt durch die vorzeitig zurückkehrende Mutter. Gut vergleichbar mit Wohmann, „Die Klavierstunde“.
  • Walter Helmut Fritz, „Augenblicke“
    Eine 20-jährige, bereits berufstätige Tochter lebt noch bei ihrer Mutter und leidet unter deren als Zudringlichkeit empfundenem Bemühen um Nähe. Sie flieht, scheitert vorläufig mit dem Plan einer eigenen Wohnung – am Ende bleibt sie mit ihrem Freiheitsdrang und einem gewissen Mitgefühl für die kranke, verwitwete Mutter allein. Bestandteil einer Aufnahmeprüfung in der Schweiz.
  • Susanne Geiger, „Flucht“
    Ein Mädchen versucht mehrfach, aus der fürsorglichen Einengung ihrer Mutter auszubrechen, und findet am Ende statt der großen Flucht eine kleine in den Armen eines Freundes. Gut vergleichbar mit Berg, „Nora hat Hunger“ (Fluchtgedanke) und Fritz, „Augenblicke“ (Ausbruch aus einer Umklammerung).
  • Reiner Kunze, „Fünfzehn“
    Eine teils ironische, teils verständnisvolle Darstellung des Lebenskonzepts einer Jugendlichen aus der Perspektive ihres Vaters. Siehe dazu auch die Gegen-/Parallelgeschichte von Bertbeere Hoffmann weiter unten.
  • Hermann-Josef Schüren, „Auf dem Kriegspfad“
    Ein Junge lebt dank der Toleranz seiner Eltern schon recht selbstbestimmt – bis er eines Morgens als Irokese verkleidet zum Frühstück erscheint und auf den „Kriegspfad“ geht. Gut vergleichbar mit Kunze, „Fünfzehn“.
  • Bertolt Brecht, „Die unwürdige Greisin“
    Eine Großmutter befreit sich am Ende ihres Lebens von allen familiären Zwängen und lebt zum Entsetzen eines Teils ihrer Kinder autonom. Am Ende erkennt der Enkel als Erzähler, dass seine Großmutter eigentlich zwei Leben geführt hat.
  • Reiner Kunze, „Clown, Maurer oder Dichter“
    Ein väterlicher Wunsch wird vom Sohn so kreativ und wörtlich umgesetzt, dass der Vater das Potenzial seines Sohnes neu erkennen muss.
  • 🆕 Kimia Tivag, „Die glückliche Täuschung“
    Eine Tochter kommt nach einer schönen Philosophiestunde nach Hause – ihr Vater hält von der Idee, die sie mitbringt, wenig. Gezeigt wird die Bedeutung von Glück, das zumindest kurzzeitig glücklich macht.
  • Bertbeere Hoffmann, „Emilia P. Fünfunddreißig“
    Schreibt Kunzes „Fünfzehn“ fort: Aus jungen Revoluzzern werden meist angepasste Menschen des Alltagsbetriebs – bis ein Todesfall der Mutter die Chance gibt, sich zu ändern (Plan eines gemeinsamen Urlaubs in Florida).

2. Kommunikationsprobleme und unterschiedliche Wahrnehmungen

Im Mittelpunkt dieser Texte steht das Misslingen von Kommunikation, das Aneinander-Vorbeireden, die Unfähigkeit, Gefühle offen auszudrücken – und, als Gegenbeispiele, auch das Gelingen von Verständigung.

  • Sibylle Berg, „Nora hat Hunger“
    Aus der Perspektive einer jungen Frau erzählt, die konsequent den Weg des Immer-weniger-Wiegens geht, um Model zu werden. Die Bemühungen der Mutter, sie mit Hilfe eines Psychologen davon abzubringen, scheitern schon daran, dass dieser Mann selbst genau dem Bild entspricht, das die Ich-Erzählerin vermeiden will.
    Anregung: Dialog zwischen Mutter und Tochter nach dem Psychologen-Besuch schreiben lassen.
    https://textaussage.de/sibylle-berg-nora-hat-hunger-analyse-interpretation-und-anregungen-fuer-den-unterricht
  • Wolfgang Borchert, „Die Kirschen“
    Ein krankes Kind verdächtigt seinen Vater fälschlich, ihm die Kirschen wegzuessen – tatsächlich ist er nur hingefallen, als er sie bringen wollte (Blut statt Kirschsaft). Als das Kind seinen Irrtum erkennt, schämt es sich.
  • Gabriele Wohmann, „Denk immer an heut Nachmittag“
    Der Wechsel auf ein Internat wird aus den sehr unterschiedlichen Perspektiven von Vater und Sohn geschildert. Gut vergleichbar mit Wohmann, „Die Amsel“.
  • Gabriele Wohmann, „Ein netter Kerl“
    Eine der besten Kurzgeschichten zum Thema Kommunikation – zeigt, wie sich im Gespräch alles entwickelt und am Ende zu einem zumindest teilweise guten Ergebnis führt.
  • Ewald Arenz, „Schlüsselerlebnis“
    Humorvolle Darstellung der Kommunikationsprobleme eines Vaters, der abends nicht mehr ins Haus kommt und morgens von seiner Frau mit Vorwürfen überhäuft wird – es geht um den 3-jährigen Sohn vor dem Fernseher und eine tote Maus in der Hemdtasche.
  • Positives Gegenbeispiel: Reinhold Ziegler, „Die Brücke“
    Zeigt, im Unterschied zu den anderen Geschichten dieser Gruppe, das Gelingen einer tiefgreifenden Verständigung zwischen Vater und Sohn beim gemeinsamen Besteigen einer Brücke. Die Kurzgeschichte selbst ist auf der Homepage des Autors zu finden.
  • 🆕 Zweites positives Gegenbeispiel: Anders Freistein, „Der Einfall“
    Auf dem Weg zum monatlichen Pflichttreffen mit ihrem getrennt lebenden Vater kommt Mira in einer Schreibwarenhandlung die rettende Idee: ein gemeinsames Heft, in das beide abwechselnd ihre schönste Erinnerung eintragen. Aus dem angespannten Uhr-Schauen früherer Treffen wird so ein echtes, spielerisches Erinnern – entstanden als eigenständige Weiterentwicklung einer Idee zu Elisabeth Steinkellners „Zugvögel“.

3. Umgang mit Krankheit, Tod und Rollenumkehr

Diese Kurzgeschichten befassen sich mit existentiellen Belastungen wie schweren Krankheiten und dem Tod von Familienmitgliedern – oft übernehmen Kinder dabei die Pflegerolle, die klassischen Eltern-Kind-Rollen kehren sich um.

  • Julia Franck, „Streuselschnecke“
    Ein Mädchen nähert sich spät ihrem todkranken Vater an; seinen Wunsch nach Morphium kann sie ihm nicht erfüllen, dafür backt sie ihm einen großen Kuchen. Am Ende wird Kritik am Verhalten der Mutter deutlich, die nicht zur Beerdigung gekommen ist.
  • Karin Reschke, „An den Strand“
    Eine Tochter kümmert sich um ihre schwerkranke Mutter, obwohl diese sie in Kindheit und Jugend schlecht behandelt hat – aus Enttäuschung über den fortgelaufenen Vater. Der plötzliche Tod der Mutter erlöst sie von Krankheit und Arztbemühungen; offen bleibt, wie die Tochter das empfindet.
    Quelle: Erfahrene Erfindungen. Deutschsprachige Kurzgeschichten seit 1989, hg. von Sabine Grunow, Ernst Klett Schulbuchverlag, Leipzig 2004, ISBN 978-3-12-351010-6.
  • Malin Schwerdtfeger, „Mein erster Achttausender“
    Die Mutter ist als Reiseschriftstellerin viel unterwegs, der kranke Vater bleibt in seinem Zimmer, von der Tochter umsorgt. Am Ende bricht die Tochter trotz aller Distanz doch mit der Mutter zu einer neuen Expedition auf – Kinder- und Elternrollen erscheinen hier vertauscht.
  • Peter Stamm, „Der Besuch“
    Zeigt die Veränderungen im Leben einer Frau nach dem Tod ihres Mannes und dem Auszug der Kinder. Erst der Besuch eines australischen Austauschschülers zusammen mit der Enkelin bringt ihr die Perspektive auf ein bisschen neues Leben.

4. Vernachlässigung, Patchwork-Probleme und familiäre Entfremdung

Hier geht es um dysfunktionale Familienstrukturen, das Gefühl des Verlassenseins, den Verlust von Vertrauen oder die Bedrohung bestehender Bindungen durch neue Lebenspartner.

  • Jutta von der Lühe-Tower, „Die Botschaft“
    Zu finden in: Training Deutsch, 10. Schuljahr, Klett-Verlag 2006. Ein Junge geht damit um, dass seine getrennt lebenden Eltern ihn an einem Morgen vernachlässigen: Er räumt die verwüstete Küche auf, schickt über einen Spielzeugzug die titelgebende Botschaft und verlässt entschlossen das Elternhaus.
  • Gabriele Wohmann, „Die Amsel“
    Thematisiert die Probleme zwischen einem Mann und seinem Kind angesichts einer neuen Partnerin. Als das Kind auf die Harmoniewünsche des Vaters eingeht, wird es mit Geschenken überhäuft, zugleich aber mit unnötigen Präzisierungen belästigt – und muss feststellen, dass es den Vater dadurch noch mehr verloren hat. Verdeutlicht am Umgang mit einer Amsel auf dem gemeinsamen Weg. Gut vergleichbar mit Wohmann, „Denk immer an heut Nachmittag“.
  • Zoë Jenny, „Sophies Sommer“
    Eine junge Frau erlebt in ihrer größten Lebenskrise, dass ihr der Freund, den sie ins Elternhaus mitgebracht hat, von der eigenen Mutter weggeschnappt wird. Der Leser bleibt ratlos zurück, ob er die Tochter bemitleiden oder sich mit der Mutter freuen soll.
  • Julio Cortázar, „Familienbande“
    Eine von ihrer Familie gehasste Tante freut sich scheinbar über beleidigende Postkarten aus dem Urlaub – tatsächlich sticht sie wie bei einem Voodoo-Zauber mit der Nadel durch die Unterschrift des Absenders. Interessantes Diskussionspotenzial zum Umgang mit Beleidigungen und zum Phänomen der Hassliebe.

5. Autoritäre Erziehung, Gewalt und Eskalation

Geschichten, in denen familiäre Konflikte, Erziehungsmethoden oder Nachbarschaftsstreitigkeiten drastisch und oft gewaltsam eskalieren.

  • Helga M. Novak, „Schlittenfahren“
    Autoritär, aber zugleich hilflos wirkende Erziehungsmethoden, die schließlich tödlich enden.
  • Otto F. Walter, „Cornflakes“
    „Der Kleine“ überschreitet Grenzen, indem er auf einen Stuhl klettert, um das Fenster zu öffnen. Die ältere Schwester Christa hält ihn davon ab, was beim Bruder Wut auslöst – er sticht ihr im Zorn ein Küchenmesser in den Leib.
  • Marie Luise Kaschnitz, „Ein ruhiges Haus“
    Ungewöhnlich für eine Kurzgeschichte: die scheinbare Anrede des Lesers gleich am Anfang. Ruhebedürftige Hausbewohner fantasieren satirisch überspitzte Gewaltmaßnahmen gegenüber störenden Kindern durch – am Ende die dreiste Behauptung, man wisse nicht, warum die Eltern der Kinder Tränen in den Augen haben.
  • 🆕 Gerhard Zwerenz, „Nicht alles gefallen lassen“
    Eine eher satirisch angelegte Kurzgeschichte, die die Entwicklung eines Nachbarschaftsstreites bis hin zur Selbstvernichtung beschreibt. (Neu zu dieser Gruppe ergänzt, da im Ausgangstext bislang nicht eindeutig zugeordnet.)

6. Weitere Geschichten zum Thema Familie

Diese Geschichten passen thematisch zur Familie, ließen sich aber nicht eindeutig einer der fünf Hauptgruppen zuordnen.

  • Wolfgang Borchert, „Das Holz für morgen“
    Zeigt, wie jemand, der sich schon auf seinen Selbstmord vorbereitet, ins Leben zurückkommen kann – der Vater überlegt, wie er dem Sohn beim Einleben (nach der Rückkehr aus dem Krieg) helfen kann, und die Mutter erteilt im richtigen Moment einen Auftrag, der den Sohn daran erinnert, gebraucht und geliebt zu werden.
  • Milena Moser, „Der Hund hinkt“
    Fast schon satirische Darstellung eines Familien-Sonntagsspaziergangs, auf dem sich vielfältige Frustgefühle lösen. Erzählt aus Sicht der Tochter, die sich mutig ein bisschen Liebesfreiraum erkämpfen will.
  • Max Bolliger, „Sonntag“
    Probleme einer Tochter, die als Scheidungskind an einem Sonntag nacheinander mit Vater, Mutter und abends mit dem Freund zu tun hat. Offen bleibt, wie viel hinter der kurzen, positiven Antwort des Freundes steckt.
  • Sabrina Eisele, „Momente“ (doppelt offene Kurzgeschichte)
    Schlechte Note in einer Englischarbeit trifft auf hohe Erwartungen der Familie. Die Tochter flieht weinend ins Zimmer – dann ein plötzliches Happy End, weil die Mutter „abgeschminkt“ erscheint. Im Video zeigen wir, dass dieser Wandel nicht motiviert ist, und wie man das offene Ende weiterdenken kann.
  • Vergleich dazu: Gabriele Wohmann, „Ja, das ist machbar“
    Ein junges Tennistalent kommt mit den Erwartungen der Eltern nicht klar. Im Unterschied zu „Momente“ bleibt hier das Ende ganz offen.
  • Weitere Vergleichsmöglichkeit: Anders Tivag, „Gelernt ist gelernt“
  • Hanna Hanisch, „Die Sache mit dem Parka“ (1976)
    Auch hier geht es um Erwartungen von Eltern, die in diesem Fall aber schließlich zu Einsicht führen.
  • Günter Kunert, „Der verlorene Enkel“
    Eine Familie wünscht sich sehnlichst die Rückkehr eines anscheinend geflohenen Enkels zurück – denkt dabei aber vor allem darüber nach, wie sie ihn bestrafen und einsperren kann. Erweitert um die Frage, ob man die Geschichte auch mit Blick auf die DDR lesen kann: Zum Hintergrund.

Weitere Infos, Tipps und Materialien

Weitere Infos, Tipps und Materialien