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Kategorie: Kafka

Franz Kafka, „Die Wahrheit über Sancho Pansa“

Franz Kafka 

„Die Wahrheit über Sancho Pansa“

Überschrift und Bezug zu der Romanvorlage

  • Die Überschrift nimmt Bezug auf eine berühmte Figur aus einem spanischen Abenteuerroman:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Don_Quijote
  • Schon hier wird deutlich, dass Kafka eine andere, korrigierende Sicht („Wahrheit“) auf diese Figur präsentieren will.
  • Interessant ist die Frage, ob man das Original kennen muss, um Kafkas Version beurteilen zu können.
  • Diese Frage kann man natürlich nur beantworten, wenn man ungefähr weiß, worum es in dem Roman von Cervantes geht:
    • nämlich um einen verarmten Ritter, der so viele Ritterromane gelesen hat, dass er sie schließlich für Tatsachen-Darstellungen hält und selbst auch nacherleben will.
  • Erlebt werden tatsächlich viele Abenteuer, die allerdings dadurch gekennzeichnet sind, dass der Vermeintliche Held etwas aus der Wirklichkeit in seinem Kopf zu einem Element der ritterlichen Kampfwelt umfantasiert. Berühmt ist sein Kampf gegen Windmühlen, die er für feindliche Ritter hält.
  • Dieser Pseudo-Ritter wird begleitet von einem einfachen Bauern, namens Sancho Pansa, den er als Knappen angeheuert hat.
  • Der ist direkte korpulente Gegenfigur zu dem schlanken Ritter mit seinen wirren Ideen. Er versucht immer wieder seinen Herrn mit der Wirklichkeit zu konfrontieren.
  • Das gelingt aber nicht während der Abenteuerreise, obwohl der Ritter immer wieder sehr schmerzliche Erfahrungen machen muss.
  • Erst auf dem Sterbebett erkennt er die Wahrheit und so endet der Roman mit einer Warnung vor der Lektüre solche Romane und den damit verbundenen Illusionen.

Erläuterung des Inhalts von Kafkas Erzählung

  • „Sancho Pansa, der sich übrigens dessen nie gerühmt hat, gelang es im Laufe der Jahre, durch Beistellung einer Menge Ritter- und Räuberromane in den Abend- und Nachtstunden“
    • Hier wird schon die erste Änderung von Kafka vorgenommen. Es geht nicht um vorhandene Romane, sondern offensichtlich um deren Verfassen.
  • „seinen Teufel, dem er später den Namen Don Quixote gab,“
    • Statt eines echten, wenn auch verarmten und verwirrten Ritters, hat dieser Sancho Pansa es hier mit einem Teufel zu tun.
  • „derart von sich abzulenken,“
    • den er irgendwie loswerden muss, was durch die Romane geschieht.
  • „dass dieser dann haltlos die verrücktesten Taten aufführte,“
    • Hier kehrt Kafkas Version zum Original-Roman zurück, allerdings wird den „verrücktesten Taten“ eine andere Motivation zugeschrieben.
  • „die aber mangels eines vorbestimmten Gegenstandes, der eben Sancho Pansa hätte sein sollen, niemandem schadeten.“
    • Hier wird die Geschichte etwas unklar, deutlich wird aber, dass diese Abenteuer harmlos verlaufen.
  • „Sancho Pansa,
    • ein freier Mann, folgte gleichmütig,
    • vielleicht aus einem gewissen Verantwortlichkeitsgefühl,
    • dem Don Quixote auf seinen Zügen
    • und hatte davon eine große und nützliche Unterhaltung bis an sein Ende.“
      • Am Schluss der kurzen Erzählung wird Sancho Pansa noch weiter aufgewertet, als freier Mann vorgestellt.
      • Interessant ist, dass Sancho Pansa dem Teufel aus einem Verantwortungsgefühl folgt. Er müsste doch eigentlich froh sein, wenn er ihn für einige Zeit los ist.
      • Das wird dann am Ende aber noch einmal erklärt, indem auf den Unterhaltungswert dieser Abenteuer verwiesen wird.

Interpretation

  • Insgesamt hat man wieder mal den Eindruck, dass es Kafka mehr um das Groteske, in diesem Falle das Setzen eines Kontrapunkts zu einem berühmten Roman“ ankommt als auf die Präsentation einer in sich logischen Geschichte oder Handlung.
  • Das Besondere dieser Erzählung im Gesamtwerk ist nun, dass hier ausnahmsweise mal ein positiver, kraftvoller, ideenreicher Protagonist präsentiert wird, der sogar den Teufel zum Narren halten kann.
  • Dazu kommt natürlich noch die Aussage, dass Fiktion hilft, das Leben zu bewältigen.
  • Von daher kann man diese kurze Erzählung als Beleg dafür nehmen, dass Kafka mit solchen skurrilen Geschichten durchaus auch dem Leser und vielleicht auch sich selbst Entlastung verschaffen kann.
  • Man könnte auch sagen: Nicht die Welt, genauer: die literarische Welt ist verrückt wie im Roman sondern das Verrückte liegt im Menschen selbst und kann erfolgreich durch Kunst bekämpft werden.

Auswertung von Sekundärliteratur

Kaul, Susanne, Einführung in das Werk Franz Kafkas, Darmstadt : WBG (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), 2010, 1. Aufl.

  • Dort wird die kurze Erzählung im Zusammenhang mit mythologischen Geschichten Kafkas abgehandelt. Im Hinblick auf diesen Text wird hervorgehoben,
    • Dass Kafka die Figuren Verhältnisse umdreht, in denen der einfache Bauer zum „Drahtzieher des Geschehens“ gemacht wird,
    • dass der Irrsinn des Ritters umgedeutet wird zu einer List, mit der man denTeufel neutralisieren kann.
    • dass dadurch die Seele vor dem Verderben gerettet werden kann. Das erweitern wir über den engen religiösen Bezug hinaus.

Weiterführende Hinweise 

Franz Kafka, „Poseidon“ – Anmerkungen zu einem verfehlten Leben (Mat4106)

Wir präsentieren im folgenden immer zunächst einen Textausschnitt – in durchnummeriert Form. Es folgen dann erläuternde Anmerkungen dazu.

  1. Poseidon saß an seinem Arbeitstisch und rechnete. Die Verwaltung aller Gewässer gab ihm unendliche Arbeit.
    • Die kleine Erzählung beginnt schon mit einem Paukenschlag, indem auf recht radikale Art und Weise jede Vorstellung von dem antiken Gott Poseidon in ein Gegenteil verkehrt wird.
    • Da herrscht nicht einer und überlegt vielleicht, an welcher Stelle er als nächstes in das menschliche Leben eingreifen könnte – wie ist die griechischen Götter meistens taten. Sondern er arbeitet wie ein normaler Büromensch.
    • Man ist jetzt gespannt, worin seine eigentliche Arbeit besteht.
  2. Er hätte Hilfskräfte haben können, wie viel er wollte, und er hatte auch sehr viele, aber da er sein Amt sehr ernst nahm, rechnete er alles noch einmal durch und so halfen ihm die Hilfskräfte wenig. 
    • Aber darauf wird gar nicht eingegangen, es geht nur um das Phänomen Arbeit an sich.
    • In diesem zweiten Schritt wird das Problem noch vertieft oder erweitert, indem deutlich gemacht wird, dass diesem Gott bei dieser Arbeit offensichtlich nicht zu helfen ist.
  3. Man kann nicht sagen, dass ihn die Arbeit freute, er führte sie eigentlich nur aus, weil sie ihm auferlegt war, ja er hatte sich schon oft um fröhlichere Arbeit, wie er sich ausdrückte, beworben, aber immer, wenn man ihm dann verschiedene Vorschläge machte, zeigte es sich, dass ihm doch nichts so zusagte, wie sein bisheriges Amt.
    • Im nächsten Schritt geht es um die innere Einstellung Poseidons zu seiner Arbeit. 
    • Sie ist widersprüchlich, weil am Anfang davon die Rede ist, dass ihn die Arbeit nicht freut. Am Ende läuft es dann aber darauf hinaus, dass diese Arbeit ihn gewissermaßen am wenigsten nicht freut.
    • Letztlich haben wir hier ein Grundmuster des Schreibens von Kafka: Es geht um die Ausweglosigkeit, auch wenn sie ihr nur eine Last ist und nicht das Leben gefährdet und in einen Abgrund führt.
  4. Es war auch sehr schwer, etwas anderes für ihn zu finden. Man konnte ihm doch unmöglich etwa ein bestimmtes Meer zuweisen; abgesehen davon, dass auch hier die rechnerische Arbeit nicht kleiner, sondern nur kleinlicher war, konnte der große Poseidon doch immer nur eine beherrschende Stellung bekommen.
    • In diesem Abschnitt wird ein bisschen Mitgefühl mit diesem antiken Gott geweckt. Gerade seine Größe ist es, die seine Lage aussichtslos macht.
    • Ansonsten wird noch einmal die rechnerischer Arbeit angesprochen, ohne dass sie genauer beschrieben oder erklärt wird.
  5. Und bot man ihm eine Stellung außerhalb des Wassers an, wurde ihm schon von der Vorstellung übel, sein göttlicher Atem geriet in Unordnung, sein eherner Brustkorb schwankte.
    • Zur Einschränkung der Beschäftigungsmöglichkeiten aufgrund der hohen Stellung des Gottes kommt jetzt noch eine zweite. 
    • Offensichtlich hat Poseidon doch eine innere, enge Verbindung zu seiner Arbeit, weil er ganz an das Wasser gebunden ist.
    • Das macht insgesamt deutlich, dass es in dieser Geschichte um eine ausweglose Situation geht, allerdings – wie gesagt – um eine, die eher auf dem aktuellen Stand bleibt als sich verschlimmert.
  6. Übrigens nahm man seine Beschwerden nicht eigentlich ernst; wenn ein Mächtiger quält, muss man ihm auch in der aussichtslosesten Angelegenheit scheinbar nachzugeben versuchen; an eine wirkliche Enthebung Poseidons von seinem Amt dachte niemand, seit Urbeginn war er zum Gott der Meere bestimmt worden und dabei musste es bleiben.
    • Hier kommt eine weitere Dimension der Belästigungen und Einschränkungen und letztlich auch der Ausweglosigkeit zum Tragen, nämlich dass man Poseidon nicht ernst nimmt.
    • Interessant ist die Begründung, eine angebliche Lebensweisheit, die bei Mächtigen aus unerfindlichen Gründen empfiehlt, ihnen nur ein bisschen und vor allem scheinbar nachzugeben.
    • Aber auch das wird hier wieder nicht weiter ausgeführt. es könnte zum Beispiel in einer kreativen Ergänzung mal durchgespielt werden.
    • Am Ende geht es um die Frage, ob Poseidon seinen ungeliebten Posten nicht wenigstens verlieren könnte. Das wird aber einfach für unmöglich erklärt.
    • Interessant ist die Begründung, nämlich der einfache Hinweis auf die Unveränderlichkeit einer langen Tradition.
  7. Am meisten ärgerte er sich – und dies verursachte hauptsächlich seine Unzufriedenheit mit dem Amt – wenn er von den Vorstellungen hörte, die man sich von ihm machte, wie er etwa immerfort mit dem Dreizack durch die Fluten kutschiere.
    • Als nächstes und größtes Problem wird die allgemeine Vorstellung von Poseidon aufgeführt.
    • Als Beispiel wird in einer etwas spöttisch angehauchten Formulierung das Unterwegssein mit dem Dreizack genannt.
  8. Unterdessen saß er hier in der Tiefe des Weltmeeres und rechnete ununterbrochen, hie und da eine Reise zu Jupiter war die einzige Unterbrechung der Eintönigkeit, eine Reise übrigens, von der er meistens wütend zurückkehrte. 
    • Dem gegenübergestellt wird noch mal die Rechenarbeit, die Poseidon angeblich leistet.
    • Interessant, dass es wenigstens hin und wieder eine Unterbrechung der Eintönigkeit gibt – durch eine Reise zum Obergott Jupiter.
    • Warum er von dort wütend zurückkehrt, sind wieder nicht erklärt. Man kann es möglicherweise mit seinen erfolglosen Bemühungen um eine Verbesserung seiner Arbeitsbedingungen verbinden.
  9. So hatte er die Meere kaum gesehn, nur flüchtig beim eiligen Aufstieg zum Olymp, und niemals wirklich durchfahren. Er pflegte zu sagen, er warte damit bis zum Weltuntergang, dann werde sich wohl noch ein stiller Augenblick ergeben, wo er knapp vor dem Ende nach Durchsicht der letzten Rechnung noch schnell eine kleine Rundfahrt werde machen können.
    • Am Ende der Blick auf das gesamte Arbeitsgebiet, das eigentlich zu Poseidon gehört.
    • Paradox ist, dass er sich darum gar nicht kümmert.
    • Das stellt noch einmal mehr seine Arbeit infrage, deren Hintergründe er anscheinend nie in Augenschein nimmt.
    • Auf die Spitze wird die groteske Situation getrieben, wenn Poseidon bis zum Weltuntergang warten will, bevor er sich dann doch noch einmal zumindest kurz einen Teil seines Arbeitsgebietes anschauen will.
    • Verstärkt wird der Eindruck des Grotesken noch dadurch, dass Poseidon es für wichtiger hält, alle seine Rechnungen abzuarbeiten, statt sich mit der Frage des Weltuntergangs näher zu beschäftigen.
  10. Insgesamt lebt diese kleine Erzählung von dem Gegensatz zwischen den traditionellen Vorstellungen von Poseidon und gegebenenfalls auch einer möglichen eigentlichen Aufgabe und der Realität seiner Arbeit und seines Lebens.
  11. Hier hat offensichtlich jemand keinen Blick für das Wesentliche, nimmt das Gegebene genauso hin, wie die Götter insgesamt de bestehende Ordnung der Welt nicht ändern wollen oder können.
  12. Man kann das sicherlich als verfehltes Leben auf die Situation des Menschen in der Welt allgemein übertragen. Er geht auf in irgendeiner Form von Betriebsamkeit, ohne dass Sinn und Funktion deutlich werden und auch ohne dass man auf den Gedanken kommt, an den Verhältnissen etwas zu ändern und ein möglicherweise vorhandenes größeres Potenzial zu nutzen.
  13. Ein besonderes künstlerisches Mittel besteht natürlich darin, dass Kafka hier einen antiken Gott zum Modell verfehlten Lebens gemacht hat. Man kann das mit der Vorstellung von der Fallhöhe in der antiken Tragödie verbinden. Das würde dann zu der problematischen Erkenntnis führen: Wenn es schon einem Gott so geht, wie wenig kann ich dann an meinem Leben ändern.

Weiterführende Hinweise 

 

Kafka, „Das Schweigen der Sirenen“ – oder: Wie man mit einem Schaubild Struktur in einen verwirrenden Text bringen kann ;-) (Mat4105)

Das Video ist inzwischen fertig und hier zu finden.

Verwirrender Text: Zerlegung und Schaubild helfen: Kafkas Erzählung „Das Schweigen der Sirenen“
https://youtu.be/Jayc4-As-OI

Und hier kann die Dokumentation angeschaut beziehungsweise heruntergeladen werden

mat4105 mittwoch kafka, sirenen, schaubild gegen verwirrung

Weiterführende Hinweise 

Kafka, „Das Schweigen der Sirenen“ – freies Spiel mit einem Mythos

Das Besondere dieser Erzählung

Das Schweigen der Sirenen von Franz Kafka etwas ganz Besonderes, weil dort nicht einfach eine Geschichte erzählt wird, sondern ausgehend von einem antiken Mythos Varianten dazu durchgespielt werden.

Und nun unsere Erläuterung des Textes:

  1. Beweis dessen, daß auch unzulängliche, ja kindische Mittel zur Rettung dienen können:
    • Der Text beginnt fast schon im Stil mancher Parabeln von Bertolt Brecht mit einer einführenden Erklärung.
    • Angeblich handelt es sich bei diesem Text um den Beweis, dass einen auch etwas retten kann, was eigentlich dazu nicht geeignet ist oder ausreicht.
  2. Um sich vor den Sirenen zu bewahren, stopfte sich Odysseus Wachs in die Ohren und ließ sich am Mast festschmieden.
    • Es folgt eine kurze Zusammenfassung des Tricks, mit dem Odysseus sich nach dem Mythos vor den gefährlichen Sirenen bewahrt haben soll.
    • Wachs in den Ohren
    • Und Fesselung an den Mast
  3. Ähnliches hätten natürlich seit jeher alle Reisenden tun können, außer denen, welche die Sirenen schon aus der Ferne verlockten, aber es war in der ganzen Welt bekannt, daß dies unmöglich helfen konnte. Der Sang der Sirenen durchdrang alles, und die Leidenschaft der Verführten hätte mehr als Ketten und Mast gesprengt.
    • Es folgt eine Behauptung, die den antiken Mythos auf eigene Art und Weise ergänzt.
    • Kafka lässt ihn Erzähler nämlich einfach behaupten, auch die Mittel, die Odysseus sich ausgedacht hat, hätten nicht gereicht:
    • Der Gesang der Sirenen hätte nämlich alles durchdrungen und die Seefahrer hätten anschließend zu ihrem eigenen Verderben sich freigemacht und damit ihren Untergang heraufbeschworen.
  4. Daran aber dachte Odysseus nicht, obwohl er davon vielleicht gehört hatte. Er vertraute vollständig der Handvoll Wachs und dem Gebinde Ketten und in unschuldiger Freude über seine Mittelchen fuhr er den Sirenen entgegen.
    • Es folgt eine Passage, in der dem Leser das Gefühl gegeben wird, dass Odysseus entgegen dem antiken Mythos auch hier seinem Untergang entgegengefahren sei.
  5. Nun haben aber die Sirenen eine noch schrecklichere Waffe als den Gesang, nämlich ihr Schweigen.
    • Der Erzähler verfolgt aber diesen Gedanken gar nicht weiter, sondern erweitert in typischer Manier Kafkas das Gefahren-  beziehungsweise Untergangspotenzial noch weiter, indem er auch das Schweigen der Sirenen zu einer – sogar noch  – schlimmeren Waffe macht.
  6. Es ist zwar nicht geschehen, aber vielleicht denkbar, dass sich jemand vor ihrem Gesang gerettet hätte, vor ihrem Schweigen gewiss nicht.
    • Typisch für Kafka, dass etwas nur Möglichkeit bleibt.
    • Das wird dann wieder zumindest teilweise infragegestellt, bevor zur Untergangssicherheit zurückgekehrt wird.
  7. Dem Gefühl, aus eigener Kraft sie besiegt zu haben, der daraus folgenden alles fortreißenden Überhebung kann nichts Irdisches widerstehen.
    • Der Blick wird jetzt auf eine sich aus der Situation ergebende Überheblichkeit solcher Leute wie Odysseus gerichtet.
    • Sie fühlen sich als Sieger über die Sirenen und gerade das führt zu ihrem Untergang.
  8. Und tatsächlich sangen, als Odysseus kam, die gewaltigen Sängerinnen nicht, sei es, dass sie glaubten, diesem Gegner könne nur noch das Schweigen beikommen, sei es, dass der Anblick der Glückseligkeit im Gesicht des Odysseus, der an nichts anderes als an Wachs und Ketten dachte, sie allen Gesang vergessen ließ.
    • Im selben Stil geht es jetzt weiter:
    • Die Sirenen singen nicht.
    • Über den Grund werden nur Vermutungen angestellt.
      • Variante 1: Annahme, dass nur die stärkere Waffe des Schweigens Odysseus besiegen könne.
      • Variante 2: Spezielle Wirkung der Siegesgewissheit von Odysseus.
  9. Odysseus aber, um es so auszudrücken, hörte ihr Schweigen nicht, er glaubte, sie sängen, und nur er sei behütet, es zu hören.
    • Odysseus dagegen bleibt auf seinem vermeintlichen Siegestrip und stellt sich das Singen der Sirenen einfach vor und wiegt sich in Sicherheit.
  10. Flüchtig sah er zuerst die Wendungen ihrer Hälse, das tiefe Atmen, die tränenvollen Augen, den halb geöffneten Mund, glaubte aber, dies gehöre zu den Arien, die ungehört um ihn verklangen.
    • Hier wird noch genauer auf die falschen Annahmen des Odysseus eingegangen.
  11. Bald aber glitt alles an seinen in die Ferne gerichteten Blicken ab, die Sirenen verschwanden förmlich vor seiner Entschlossenheit, und gerade als er ihnen am nächsten war, wusste er nichts mehr von ihnen.
    • Hier wird Odysseus regelrecht überhöht: Er blickt in die Ferne und die Sirenen verschwinden für ihn – betont wird dabei seine Entschlossenheit.
    • Dann eine eigentlich gefährliche Situation: Denn im Moment der realen größten Nähe müsste sich die Anwesenheit der Sirenen am stärksten auswirken.
    • Aber davor könnte ihn das Vergessen der Sirenen schützen, siehe Nr. 8.
    • Allerdings war das nur eine von mehreren Möglichkeiten.
  12. Sie aber – schöner als jemals – streckten und drehten sich, ließen das schaurige Haar offen im Winde wehen und spannten die Krallen frei auf den Felsen. Sie wollten nicht mehr verführen, nur noch den Abglanz vom großen Augenpaar des Odysseus wollten sie so lange als möglich erhaschen.
    • Hier wird noch einmal die Umkehrung der antiken Verhältnisse betont:
    • Nicht Odysseus ist oder wird gebannt,
    • sondern die Sirenen sind ganz von ihm hingerissen, vor allen Dingen „vom großen Augenpaar des Odysseus“.
  13. Hätten die Sirenen Bewußsstein, sie wären damals vernichtet worden. So aber blieben sie, nur Odysseus ist ihnen entgangen.
    • In einer weiteren überraschende Wendung wird den Sirenen das Bewusstsein abgesprochen,
    • was dann angeblich die Voraussetzung dafür ist, dass sie nicht vernichtet werden.
    • Wie das hätte geschehen können oder sollen, bleibt offen.
    • Auf jeden Fall wird zum Ablauf des antiken Mythos zurückgekehrt.
    • Er wird gewissermaßen nur anders erklärt.
  14. Es wird übrigens noch ein Anhang hierzu überliefert. Odysseus, sagt man, war so listenreich, war ein solcher Fuchs, dass selbst die Schicksalsgöttin nicht in sein Innerstes dringen konnte.
    • Am Ende wird eine angebliche andere Variante vorgestellt, in der Odysseus ausreichend listenreich ist.
    • In welchem Verhältnis jetzt plötzlich die Schicksalsgöttin zu den Sirenen steht, wird nicht geklärt.
  15. Vielleicht hat er, obwohl das mit Menschenverstand nicht mehr zu begreifen ist, wirklich gemerkt, daß die Sirenen schwiegen, und hat ihnen und den Göttern den obigen Scheinvorgang nur gewissermaßen als Schild entgegengehalten.
    • Das wird dann noch einmal eine Ebene höher angesiedelt, indem es für möglich gehalten wird, dass Odysseus sein ganzes Verhalten nur vorgespielt habe.

Zusammenfassung

  • Es ist nicht ganz einfach, diesem Text eine logische thematische Aussage zu entnehmen, dafür gibt es auch neben den vielen überraschenden Wendungen zu viele Lücken.
  • Offensichtlich ist es Kafka nur darauf angekommen, hier zu zeigen, dass hinter dem antiken Mythos eine Fülle von irritieren den Möglichkeiten liegt, die letztlich alles offenlassen.
  • Das Besondere an dieser kleinen Erzählung und für Kafka eher ungewöhnlich ist, dass alles gut ausgeht, die Sirenen bleiben der Seefahrt erhalten und Odysseus triumphiert auf etwas unklare Art und Weise.

Weiterführende Hinweise 

 

„Motive“ in Kafkas Werk – Auswertung eines Studienbuches (Mat4101)

Welche Bedeutung wissenschaftliche Werke in Deutschunterricht haben:

Für den Schulunterricht ist es wichtig, bei Literatur zu unterscheiden zwischen

  • dem, worauf man selbst kommen kann,
  • und dem, was man sich von Fachleuten sagen lassen kann.

Zunächst das, was man selbst herausfinden kann:

Auf der Seite
https://textaussage.de/kafka-grundmuster

haben wir mal zusammengestellt, was wir selbst beim Lesen an „Grundmustern“ gefunden haben, das sind gewissermaßen die Antworten auf die sogenannten „Motive“, also die Themen, mit denen Kafka sich beschäftigt hat.

Die haben wir einem Studienbuch zu Kafkas Werk entnommen:

Kaul, Susanne, Einführung in das Werk Franz Kafkas, Darmstadt : WBG (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), 2010, 1. Aufl.

Hier erst mal ein kurzer Abgleich zwischen den beiden Ansätzen.

Dann das, was man einem wissenschaftlichen Werk entnehmen kann:

Hier zunächst ein Überblick über die behandelten Motive:

Die Motive sind wohl so etwas wie Themenbereiche, während die Grundmuster eher die damit verbundenen Aussagen darstellen.

 

  1. Fremdheit und Isoliertheit
  2. Kampf
  3. Macht
  4. Vater Sohn Konflikt,
  5. Ausweglosigkeit,
  6. Schuld und Strafe,
  7. Zögern und Angst,
  8. Wunden, Schmerz und Tod,
  9. Frauen und Sexualität
  10. Recht, Gericht und Gerechtigkeit
  11. komische Charaktere
  12. Kunst
  13. Tiere
  14. Mythos
    • das Schweigen der Sirenen
    • Prometheus
    • Poseidon
    • die Wahrheit über Sancho Panzer

Im folgenden schauen wir uns mal genauer an, dass die Autorin zu den einzelnen Motiven feststellt und was man damit anfangen kann.

Anmerkungen zu den Motiven „Fremdheit und Isoliertheit“

  • Kommentar: Interessant ist hier, dass zwei Elemente zu einem Motiv zusammengefasst werden: Deshalb sollte man sich die Gemeinsamkeiten und Unterschiede kurz klarmachen:
    • Zum einen kann man sagen, dass Fremdheit eine mögliche Voraussetzung ist für Isoliertheit. 
    • Umgekehrt geht es aber auch, man isoliert sich aus irgendeinem Grunde und wird dadurch den anderen fremd.
  • Die Autorin geht hier kurz auf die drei Romane Kafkas ein, dann aber auch auf einzelne Erzählungen wie zum Beispiel „Die Verwandlung“, die ja durchaus im Deutsch-Unterricht eine Rolle spielt.
  • Das Besondere bei Kafka ist die in der Überschrift schon angedeutete Isoliertheit, die über Ausgrenzung bis hin zum Tod führen kann (wie bei Gregor Samsa).

Motiv „Kampf“

  • Die Autorin analysiert am Anfang K’s Kampf um eine ihm entsprechende Position in der Gesellschaft.
  • Sein Hauptgegner ist das Schloss mit seinen Vertretern, daneben behindern ihn aber auch die Dorfbewohner.
  • Hervorgehoben wird mithilfe eines längeren Zitats der Trick des Schlosses, die Gegenseite in kleineren Angelegenheiten gewinnen zu lassen, was K – so fürchtet er – in der Hauptsache schwächen könnte.
  • Am Ende könnte es dazu kommen, dass er vor diesem Hintergrund leicht aus dem Weg geräumt werden kann.
  • Die Autorin hält K‘s Kampf für recht abstrakt und konkretisiert  das mithilfe eines Tagebucheintrags. Dort kämpft jemand mit zwei Gegnern, die den Betreffenden von vorne und hinten bedrängen und sich damit eigentlich gegenseitig in der Wirkung ausschalten könnten.
  • Das kann man aber nicht für sich nutzen, wenn man  eigentlich gegen sich selbst kämpft.
  • Kommentar: Man hätte noch darauf hinweisen können, dass der Sohn so auf seinen Vater fixiert ist, dass er schon beschlossen hat, ihn nach der Hochzeit bei sich wohnen zu lassen, weil er ihn für tendenziell pflegebedürftig hält.
  • Kommentar: interessant dürfte ein Vergleich mit der Erzählung die Verwandlung sein. Während der Konflikt in „Das Urteil“ direkt im Gespräch und in der anschließenden Umsetzung des väterlichen Befehls ausgetragen wird, spielt er sich in „Die Verwandlung“ in verschiedenen Bereichen oder auch auf verschiedenen Ebenen ausgetragen.

Motiv „Macht“

  • Als erstes wird darauf hingewiesen, dass Macht in Kafkasromanen und Erzählungen sich nicht direkt präsentiert und auswirkt, sondern eher in „Antizipationen und Unterstellungen“ (Kaul, 43)
  • Gezeigt wird es am Beispiel des Schlosses, wo die Dorfbewohner „die Normen des Schlosses vorwegnehmen und sich gegenseitig verurteilen“ (Kaul, 43), was sich dann in Form von Fremdenfeindlichkeit auch gegenüber K auswirkt.
  • Interessant ist, welche Beziehung die Autorin zwischen dem Verhalten des Schlosses und zwei Verfilmung des Romans herstellt:
    • Zunächst das Zitat: „Die Machtmittel bestehen darin, mit in- konsequenten Botschaften zu kommunizieren oder sich der Kommunikation zu verweigern sowie Kontrolle auszuüben und gleichzeitig das Anliegen K.s zu ignorieren. Das Geheimnisvolle besiegelt die Macht des Schlosses.“
    • Dann der Hinweis, dass das sehr viel besser in dem Film von Michael Haneke (1997) dargestellt werde als in dem Film von Soderbergh (1991).
    • Im ersteren Falle wird das Schloss nämlich gar nicht gezeigt (es ist also im Film genauso geheimnisvoll wie im Roman), während im zweiten Fall in einem Laborraum Experimente mit Menschen gezeigt werden.  Damit wird das Unheimliche zwar sehr deutlich, aber eben auch konkretisiert und damit potenziell gemildert gegenüber dem, was einem sonst die Fantasie eingibt.

Vater-Sohn-Verhältnis

  1. Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn spielt nicht nur Leben Kafkas eine große Rolle (siehe „Brief an den Vater“), sondern auch in vielen seiner Erzählungen. Am extremsten ist es wohl dargestellt in der Geschichte „Das Urteil“, in der ein Vater ganz nebenbei, fast floskelhaft, seinen Sohn zum Tode verurteilt und dieser sich tatsächlich anschließend umbringt.
  2. Ausgangspunkt des zum Tode führenden Konflikts ist, dass Georg Bendemann seinem Vater erzählt, dass er einen Freund in St. Petersburg über seine bevorstehende Hochzeit informieren will.
  3. Der Vater nimmt sich ohne nähere Begründung heraus, die Existenz dieses Freundes infragezustellen. Es folgt eine Anhäufung von Vorwürfen,  der Sohn vernachlässige seine Familie und besonders ihn, den Vater.
  4. Der seltsame Zorn des Vaters beflügelt diesen regelrecht, so dass er plötzlich in dem Bett, in das er alt und schwach gelegt worden ist, sogar herum tanzen kann.
  5. Besondere Probleme hat er wohl mit der Vorstellung von Sexualität, denn er unterstellt dem Sohn, dass es ihm bei der bevorstehenden Heirat vor allem um Befriedigung seiner sexuellen Bedürfnisse gehe.
  6. Am Ende folgt der Sohn dem des Vaters und springt von einer Brücke in den Tod.
  7. Kommentar: Man hätte noch hinzufügen können, dass der Sohn so auf den Vater fixiert ist, dass er sich schon vorgenommen hat, ihn nach der Hochzeit bei sich aufzunehmen, da er ihn für tendenziell pflegebedürftig hält.
  8. Interessant wäre ein Vergleich der Erzählung “Das Urteil” mit der Erzählung “Die Verwandlung”.
    1. Im ersten Fall wird der Konflikt direkt in einem Gespräch und der anschließenden Umsetzung des Befehls des Vaters ausgetragen.
    2. Im zweiten Falle spielt es sich über einen längeren Zeitraum in verschiedenen Bereichen und auch verschieden Ebenen ab.
    3. Im ersten Fall gibt es den ungeheuren Fall eines direkten Befehlszur Selbsttötung.
    4. Im zweiten Fall verhält der Vater sich in der Apfelwurfszene direkt körperlich gewalttätig, Aber der Tod Gregors ist konsequentes Ende eines verfehlten und sich selbst auf gebenden Lebens, wobei noch Vernachlässigung durch die Familie hinzu kommen.

Motiv Ausweglosigkeit (Seite 46)

Zusammenfassung:

  • In einem ersten Schritt werden Beispiele aus den Romanen und einzelnen Erzählungen aufgeführt, in denen die Protagonisten zu einem bestimmten Handeln gezwungen werden. Dabei hat man als Leser den Eindruck, dass es keine Alternative dazu gibt.
  • Als Beispiel könnte man die Erzählung “Das Urteil” aufführen, in der der Sohn sich nach einem entsprechenden Befehl seines Vaters von einer Brücke in den Tod stürzt.
  • Oder aber nimmt den Roman “Der Prozess”, in dem der Angeklagte tun und lassen kann, was er will, ohne dass das ihn vor der Hinrichtung rettet, zu der es am Schluss kommt.
  • In den Erzählungen “Der Landarzt” und “Der Steuermann” geraten die Protagonisten in Bedrängnis und müssen feststellen, dass ihnen niemand hilft.
  • Am extremsten in ein Bild gefasst wird die Ausweglosigkeit einer Situation in der äußerst kurzen und prägnanten Erzählung “Kleine Fabel”. Dort beklagt sich eine Maus, dass ihre Welt immer enger wird und bekommt von der Katze den Ratschlag, die Laufrichtung zu ändern, bevor sie trotzdem gefressen wird. 
  • Das Besondere ist hier, dass die inhaltliche Ausweglosigkeit noch überhöht wird durch die ironische Infragestellung der Normalform einer Fabel. Während diese am Ende Normalerweise eine Moral enthält, die einem helfen kann, das Leben zu bewältigen, steht hier am Ende der Tod.

Schuld und Strafe (Seite 46)

  1. Schuld und Strafe spielen in Roman und Erzählungen Kafkas eine große Rolle.
  2. Im Falle von Josef K im Roman „Der Prozess“ wird besonders drastisch deutlich, dass es gar nicht um eine offensichtliche Schuld geht, denn die wird niemals explizit formuliert.
  3. Josef K steht auch nicht vor einem normalen Gerichtshof, der nach juristischen Prinzipien vorgeht, sondern er ist einer fremden Macht ausgeliefert, die nach unbekannten Gesetzen vorgeht. Insgesamt hat man den Eindruck relativer Willkür.
  4. Max Brod hat versucht, bei diesem Josef K doch so etwas wie Schuld zu erkennen. Seiner Meinung nach besteht sie in der Lieblosigkeit des Mannes und in seinem Umgang mit Frauen. Erstaunlicherweise trifft hier jemand, der Kafka so gut gekannt hat wie kaum ein anderer, gerade nicht den Kern von seinem Werk, nämlich gerade den Nicht-Zusammenhang von Situation und eigener dahinter stehender Verantwortung.
  5. In der Erzählung „Das Urteil“ wird Georg Bendemann vor dem Urteilsspruch seines Vaters durchaus mit Vorwürfen konfrontiert, aber die sind offensichtlich haltlos und werden auch zum Teil ja sogar im Text selbst infragegestellt.
  6. Besonders radikal macht das Missverhältnis zwischen dem Verhalten des Verurteilten und seinem Schicksal die Erzählung „Der Schlag ans Hoftor“ deutlich, weil es dort im Text ganz eindeutig heißt, dass nicht mal sicher sei, ob die Schwester diesen verhängnisvollen Schlag geführt habe und verhaftet wird dann ihr Bruder. Außerdem haben die Reiterschar und der Richter ja von dieser Lappalie auch gar nichts mitbekommen können, denn sie kommen ja von weither geritten und der Vorfall liegt dann schon einige Zeit zurück.

Zögern und Angst (Seite 47)

  1. Diese beiden Motive spielen in Kafkas Leben eine große Rolle, wie zum Beispiel in einem Brief an Milena deutlich wird. Ausführlich wird beschrieben, durch welche Kleinigkeiten der Aufbruch zu einer Reise verzögert und vielleicht sogar verhindert werden kann. Auch hier verwendet Kafka wieder das Mittel der Aneinanderreihung, wie es besonders auch in der Erzählung „Eine kaiserliche Botschaft“ deutlich wird. Auch dort reihen sich Hindernisse bis ins Unendliche.
  2. Sehr gut sichtbar wird die Verbindung der beiden Motive Zögern und Angst in der Erzählung „Heimkehr“. Nämlich die Sehnsucht nach Rückkehr in das zumindest in der Erinnerung Vertraute zunächst mit dem Zögern und dann Übertragung der angenommenen Fremdheit der anderen in das eigene Bezugssystem. Der Text vermittelt den Eindruck, dass beide Seiten ihre Geheimnisse bewahren wollen und nicht zueinander kommen können. 
  3. Die Heimkehr scheitert also an der möglicherweise durch die Zeit gewachsenen Fremdheit und die Unsicherheit über die eigene Existenz sowie das Bedürfnis, auch selbst ein Geheimnis zu bewahren.

Motive: Wunden, Schmerz und Tod (Seite 49)

  • Der Schmerz ist nicht nur ein häufiges Thema in Kafkas Werk, sondern er steht auch bei diesem Schriftsteller grundsätzlich für die Einschätzung des Schreibens.
  • Der Schmerz hilft zum einen, weil die Außenwelt ausgeblendet wird, andererseits bringt die Konzentration auf sich selbst einen neuen Schmerz hervor, der als größer angesehen wird.
  • Susanne Kaul fasst das so zusammen: „Folglich bedeutet Schreiben: ohne Aussicht auf Rettung unter dem Trubel des Lebens zu leiden, sich in ein Schreiben zu flüchten, das wehtut, aber die Welt vergessen macht, um damit schließlich ins Zentrum des eigenen Unglücklichseins vorzustoßen.“
  • Rein biografisch sind bei Kafka persönliche Probleme häufig mit literarischen Elementen verbunden oder umgekehrt, man kann also von einem psychosomatischen Zusammenhang sprechen.
  • Besonders deutlich wie wird das in der Erzählung “Der Landarzt”, in der bei einem Jungen eine tödliche Wunde festgestellt wird, die Kafka Gegenüber Max Brod auf seine eigene Lungenkrankheit bezieht.
  • Wie bei diesem Jungen enden solche Wunden bei Kafka meistens tödlich: Deutlich wird es zum Beispiel nach dem Apfelwurf in der Erzählung “Die Verwandlung”. Bei Josef K im  Roman “Der Prozess” ist es allerdings so, dass er zwar an dem Messerstich stirbt, die eigentliche Wunde ist allerdings die Scham, dass er wie ein Hund abgeschlachtet wird, ohne dass er als Person in einem ordentlichen Verfahren ernstgenommen worden ist.

Frauen und Sexualität (Seite 50)

  1. Frauen sind in Kafkas Erzählungen vor allem Mittel zum Zweck. Als Beispiel könnte man Leni in dem Roman “Der Prozess” nehmen.
  2. Dieser Gebrauchszweck der Frauen ist häufig damit verbunden, dass es sich um Dienstmädchen handelt, die in der Regel nur einen Vornamen haben.
  3. Eine Ausnahme ist zum Beispiel Fräulein Bürstner in dem Roman “Der Prozess”, wobei allerdings der Name alleine schon eine sexuelle Anspielung enthält.
  4. Ansonsten wirft der Gefängniskaplan im Dom K direkt vor, dass er zu viel „fremde Hilfe“ suche, „besonders bei Frauen“.
  5. K verteidigt sich allerdings mit Hinweis darauf, dass bei Gericht fast alle hinter Frauen her seien, worauf man sich entsprechend einstellen müsse.
  6. Die Verbindung von Weiblichem und sexueller Triebhaftigkeit wird Teil durch Hinweis auf körperliche Besonderheiten der Frauen hervorgehoben, zum Beispiel Lenis Schwimmhäute zwischen den Fingern.
  7. Im Roman “Der Verschollene” wird besonders deutlich, wie sehr Frauen den Protagonisten bedrohen. Karl wird zum Beispiel von einem Dienstmädchen verführtt und Brunelda wird ihm gegenüber regelrecht übergriffig. Damit geht der Verlust der Männlichkeit einher und ein wirkliches erotisches Interesse gibt es nicht.
  8. Leni bildet allerdings eine gewisse Ausnahme, denn sie verkörpert für K durchaus eine animalische Kraft, der er sich nicht ganz entziehen kann. Am Ende stellt sie fest: „Jetzt gehörst du mir.“

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Recht, Gericht und Gerechtigkeit

  1. Schon der Titel eines der drei Romane Kafkas, „Der Prozess“, macht deutlich, wie sehr die Frage von Recht und Gerechtigkeit in Kafkas Werk eine Rolle spielt.
  2. In dem genannten Roman wird besonders deutlich, dass die Verfolgung durch irgendeine juristische Institution einen ganz unvermittelt treffen kann. Das Besondere dabei: Der offensichtlich Beschuldigte oder gar Angeklagte erfährt weder, was ihm vorgeworfen wird, noch hat er angemessene Möglichkeiten, sich zu verteidigen. Am Ende steht eine einsame Hinrichtung unter recht schmählichen Bedingungen.
  3. In ähnlicher Weise erwartet jemanden ein ungewisses und möglicherweise ebenfalls vernichtendes Schicksal in der Erzählung „Der Schlag ans Hoftor“. Anders ist hier, dass zwar ein möglicher Ausgangspunkt für die Beschuldigung und Verfolgung am Anfang genannt wird, es sich aber allenfalls um eine Lappalie handeln kann, die außerdem aufgrund der großen Entfernung zu den Verfolgern deren Aktivitäten gar nicht ausgelöst haben kann. Auch hier merkt man am Verhalten der Bevölkerung, dass hier ein allgemeines Verhängnis über allen waltet.
  4. In beiden Fällen hat man den Eindruck von Willkür.
  5. Allenfalls öffnet sich eine Verständnismöglichkeit, wenn man den Hinweis ernst nimmt, dass das Gericht gar nicht hinter jemandem her ist, sondern es existiert nur, wenn man hineingeht, und so lange, bis man wieder hinausgeht. Das spricht dafür, dass es sich hier um innere Prozesse handelt, Selbstvorwürfe, bei denen nicht klar ist, inwieweit sie berechtigt sind, die aber einen Menschen zerstören können.
  6. Ausgehend von Kafkas Freund Max Brod wird vielfach eine theologische Erklärung herangezogen. Wenn man aber den Verfolgungswahn in den Erzählungen „Der Nachbar“ und „Der Kaufmann“ heranzieht, verstärkt sich der Eindruck, dass diese pseudo juristischen Verfolgungen eher selbstgemacht sind als Reaktion auf das Leiden an der Welt oder eben auch an sich.
  7. Interessanterweise geht Susanne Kaul nicht ein auf die Parabel „Vor dem Gesetz“, die immerhin Bestandteil des Romans „Der Prozess“ ist. Dort wird auf andere Art und Weise deutlich, dass das Leiden an den Gesetzmäßigkeiten selbstgemacht sein könnte. Denn der Türhüter macht ja deutlich, dass dieses Tor nur für den einfachen Mann vom Lande offen war und er hat nicht gewagt, sich gegebenfalls auch den Eingang zu erzwingen.
  8.  Dass dieses Tor nur für diesen einen Menschen offen stand, könnte bedeuten, dass jeder Mensch vielleicht doch die Chance hat, ein eigenes Gesetz zu machen. Es hängt wohl mit Kafkas Biografie zusammen, dass er diesen Gedanken nicht weiter in seinen Erzählungen und Romanen ausgemalt hat.
  9. Aber das wäre eine wunderbare Verbindung mit der Formulierung Goethes von dem Gesetz, nach dem man angetreten ist und von der Pyramide des Daseins, wie man selbst bauen muss, aber auch darf. Zu diesen Überlegungen noch zwei Verweise für eigene weiterführende Recherchen.
    1. „Bist alsobald und fort und fort gediehen
      Nach dem Gesetz, wonach du angetreten.“
      https://de.wikipedia.org/wiki/Urworte._Orphisch
    2. Goethes „Pyamide meines Daseins“
      https://www.noz.de/deutschland-welt/kultur/artikel/safranskis-goethe-biografie-arbeit-an-der-pyramide-des-daseins-23862601
  10. Kommentar zu den Ergebnissen, die im Studienbuch präsentiert werden:
      • Insgesamt fällt auf, dass doch die theologische Dimension mit Verweis auf Max Brot stark in den Vordergrund geschoben wird, vor allem was das Schloss angeht. Da erscheint uns eine Interpretation von der Stellung des Menschen in der Welt besser.
      • Auch könnte man „Das Schloss“ und auch „Der Prozess“sowie die anderen erwähnten Textbelege viel eher mit Goethes „Das Göttliche“ in eine Beziehung bringen. Dort ist nämlich die Rede davon, dass das Schicksal über den Göttern und den Menschen herrscht.
      • Auch die Hinrichtung in der Erzählung „In der Strafkolonie“ kann so verstanden werden. jemand, der zum Beispiel unter einer entsprechenden Krankheit leidet, regelrecht sieht, wie sein Urteilsspruch in seinen Körper eingegraben wird, auch wenn diese Vorstellung nur in seinem Kopf existiert.
      • Besonders auch „Der Nachbar“ und „Der Kaufmann“ sowie der Satz: Das Gericht existierte, solange man hingegangen ist und nicht wieder weg geht, geht in diese Richtung, dass es sich um Kopfgeburten handelt.
      • Der Hinweis auf den angeblichen Gnadencharakter des Schlosses sollte noch mal überprüft werden, er erscheint sehr gewollt.
      • Uns erscheint eine Interpretation sinnvoller, dass es bei den literarischen Texten zu dieser Motivgruppe eher um den Sinn des Lebens geht, beim „Schloss“ um das Geheimnis hinter allen Dingen, die Existenz überhaupt. Und „Vor dem Gesetz“ zeigt an, dass du dir selbst den Zugang erzwingen musst. Man könnte die Parabel auch schön weiterspinnen, dass nach dem Durchgang durch das erste Tor der Wächter zurücktritt, vielleicht noch sagt: „Du hast es begriffen.“ Und dann öffnen sich viele Wege, je nachdem, in welche Richtung man geht.

Motiv „Komische Charaktere“

  • Man glaubt es zunächst einmal nicht, wenn das Komische auch dem Werk Kafkas zugeordnet wird. Man verbindet seine Texte ja eher mit dem Einbruch des Ungeheuren, Außergewöhnlichen –  bis hin zum Untergang.
  • Susanne Kaul präsentiert die folgenden Textstellen, an denen man die These vom Komischen prüfen kann:
    • Da ist zum einen der Anfang des Romans “Der Prozess”, wo das Außergewöhnliche, Unvorstellbare und sogar Gefährliche den Protagonisten morgens im Nachthemd überrascht. Er versucht, sich mit seiner Radfahrlegitimation auszuweisen. Auch das anschließende Gespräch vor dem Nachttischchen an Fräulein Bürstners Bett mit Kerze, Zündhölzchen und Nadelkissen ist tatsächlich seltsam.
    • Hilfreich ist der Hinweis auf die Definition des Komischen von Henri Bergson. Nach ihm entstehe Komik dadurch, dass das Lebendige, Natürliche durch etwas Mechanisches, Automatenartiges ersetzt wird.
  • Interessant ist auch der Hinweis auf die Bankkollegen im Roman, die ebenfalls sehr mechanisch wirken (zum Beispiel das Lächeln von Kaminer) und sich damit komisch präsentieren.
  • Am überzeugenden steht für Komik im Kafkas Werk wohl die Szene im “Prozess”, in der so lange Advokaten von einem Beamten des Gerichtes die Treppe hinuntergeworfen werden, bis er ermüdet aufhört.
  • Das ist tatsächlich eine Szene, die auch in einem Charlie-Chaplin-Film vorkommen könnte.
  • Insgesamt scheint uns diese Komik aber eher ein Lachen auszulösen, das einem im Rachen stecken bleibt. Es passt wahrscheinlich zu Kafka und seiner Verzweiflung am Leben, dass er beim Vorlesen des ersten Kapitels des “Prozess”-Romans sich nach Aussage von Max Brod vor Lachen kaum halten konnte.

Motiv „Kunst“

Zusammenfassung:

  1. Wenn man zeigen will, welche Rolle die Kunst in Kafkas Werk spielt kann man auf zwei Erzählungen zurückgreifen
  2. Zum einen „Der Hungerkünstler“
    1. Dort geht es um jemanden, der von seinem Agenten zur Schau gestellt wird, weil er besonders lange Hunger hat.
    2. Das Problem ist, dass die Erwartungen des Publikums aber nicht optimal erfüllt werden, weil der Künstler zum einen offensichtlich zu wenig leidet und zweitens am liebsten diese Hunger kur endlos fortsetzen würde
    3. Kurz vor seinem Tod verrät er sogar sein Geheimnis: Das  Hungern war für ihn überhaupt keine sich auf erlegte Qual, sondern er hatte keine Speise, die ihm zusagte.
    4. Diese Erzählung zeigt also das Spannungsverhältnis zwischen dem Künstler und den Erwartungen des Publikums.
    5. Abschließend weist Susanne Kaul darauf hin, dass auch Kafka selbst  in gewisser Weise bei seinem Schreiben eine Art Hungerkunst betrieb, Weil er sich so sehr darauf konzentrierte, Das alles andere – einschließlich der Nahrungsaufnahme – dabei zurücktreten musste.
  3. Die zweite Erzählung, die in diesem Zusammenhang interessant ist, ist „Josefine, die Sängerin“ die als Maus mit ihrem Gesang durch aus ihr Volk begeistert, aber für ihre Kunst nicht die ausreichende Unterstützung (besonders finanziell) bekommt.
  4. Damit ist zugleich ein ganz allgemeines Problem angesprochen, das fast alle Künstler betrifft.
    1. Auf der einen Seite ist da ein Publikum, das gerne genießt, was geboten wird, aber möglichst wenig dafür bezahlen will.
    2. Dem gegenüber steht der Künstler, Der sich um höchste Kunstfertigkeit bemüht und nicht gleichzeitig immer genügend Geld verdienen kann für den Lebensunterhalt.
    3. Daraus ergibt sich häufig ein ständiger Kampf, der die Kunst und natürlich auch den Künstler belastet.

Wir setzen das hier noch fort.

Weiterführende Hinweise 

https://textaussage.de/facharbeit-aufbau-darstellungsweise-vorbild-bachelorarbeit-werther 

 

Kafka, „Die Verwandlung“ – Das Wichtigste auf einen Blick

 Thema: Franz Kafka: Die Verwandlung

Wir stellen im Folgenden Fragen zusammen, die man im Hinblick auf Kafkas Erzählung beantworten können müsste. Es geht also nicht um einfaches Grundwissen, sondern um Problem- und Verständnisfragen

  • Thema der Erzählung: Der Einbruch des Ungewöhnlichen in ein scheinbar normales Leben, dessen Probleme im Rahmen einer Krise sichtbar gemacht werden.
  • Entstehungszeit: Ende 1912, also in der Zeit des Expressionismus, auch wenn Kafka nicht durch Gedichte oder Dramen bekannt geworden ist: Seine Erzählungen und Romane können auch als (allerdings unterdrückt wirkendender, nur indirekt hörbarer) Aufschrei des gequälten oder zumindest maximal irritierten, unsicher gewordenen Individuums in der modernen Welt verstanden werden.
  • Erzähltechnik: Beginn mit personalem Erzählen, Ausnahme: Einbeziehung der Perspektive der Schwester, am Ende auktoriales Erzählen – nach dem Tod des Protagonisten
  • Struktur: drei große Abschnitte:
    • zunächst eine Ausgangssituation mit vorläufigen Reaktionen der Familie;
    • Dann Versuche der Anpassung an die Situation mit langsamen Veränderungen bis hin zu einem ersten Ausbruch
    • Schließlich die neue Situation mit den Zimmerherren, Niedergang und Tod Gregors; abschließende Erleichterung und neue Perspektiven für die Familie
  • Die „normalen“ Interpretationen:
    • „Die Verwandlung“ als Parabel für die menschliche Existenz: Ende eines falschen Lebens;
    • Elemente des Expressionismus, vor allem in der Ungeheuerlichkeit der Ungeziefer-Existenz;
      eine Art Vorwegnahme des philosophischen Existenzialismus = Konzentration auf den Kern des Menschseins in verschiedenen Ausprägungen: zunehmende Lebensfähigkeit der Schwester (Pragmatismus) gegenüber mangelndem Selbstbewusstsein und falscher Prioritätensetzung bei Gregor
    • das Kafkaeske der Erzählung = das schmerzhafte Ausmalen des unrealistisch wirkenden Gegensatzes zwischen der Existenz des verwandelten Gregors und seiner auf Distanz gehenden Familie;
    • Elemente der Novelle = das „unerhörte“, besondere Ausgangsereignis und das Durchspielen der Folgen mit Ungeziefer-Symbol,
    • biografische Deutung: Kafkas Selbstgefühl des von der Familie nicht Angenommenen, sich in das Schreiben Flüchten-Müssenden;
    • psychoanalytische Interpretation: Konflikt mit dem Vater;
    • soziologische Interpretation: Selbstausbeutung Gregors und dann Aussonderung durch die Familie nach Verlust der Nützlichkeit; Rollenerwartungen und Verwandlung -> Drüke-Interpretation, nach der die Schwester die eigentliche „Verwandlung“ durchläuft, siehe den nächsten Punkt
  • Die Interpretation von Volker Drüke: Die „Verwandlung“ Gregors ist nur der Anlass für die wirkliche Verwandlung der Familie und besonders der Schwester; eine am Anfang gegebene unbewusste falsche Verhaltenssituation der Parentifizierung (Kind übernimmt Fürsorgefunktion für die Eltern) wird von Gregor nicht erkannt und behoben, wohl aber durch die Schwester, nachdem der Eklat mit den Zimmerherren die wirtschaftliche Existenz der Familie gefährdet
  • Stach-Interpretation: Die Mittelmäßigkeit/Normalität Gregors im Vergleich zum Exzessiven seines Schicksals ist eine Vorausdeutung auf die massenhaften Vernichtungsorgien des 20. Jhdts im Faschismus und im Stalinismus – bis in die Gegenwart hinein.
  • Die Erzählung und ihre Beziehung zum Expressionismus: Präsentation des Drastischen, Extremen, aber – ungewöhnlich für die Epoche – ohne jeden Aufschrei. Der ergibt sich gewissermaßen beim Leser.
  • Die Erzählung als Parabel: Kafka zeigt in seinen Geschichten eigentlich immer einen besonderen Aspekt der menschlichen Existenz – in diesem Falle eine Art von falschem Leben, sowohl Gregors als auch der Familienangehörigen.
  • Exkurs zur Parabel: Gleichniserzählung, bei der etwas in eine bildhafte Geschichte gepackt wird, die es dem Hörer oder Leser leichter macht, etwas zu verstehen, weil Verständnisblockaden so umgangen werden.Bestes Beispiel: In der Bibel kommt der Prophet Nathan zum König David, weil dieser einem Untergebenen die Frau weggenommen hat. Er erzählt ihm aber nicht diese Geschichte, sondern eine von einem reichen Mann, der einem Armen das einzige Schaf wegnimmt. Erst als der König sich darüber aufgeregt hat, kommt der Hammer: „Du bist der Mann“ – der Schafraub war nur ein Beispiel für den Frauenraub.
  • Die Erzählung als Novelle – vgl. Michael Kohlhaas = ein „unerhörter“ Vorfall und dann die eigengesetzliche Weiterentwicklung, es wird gewissermaßen ein Fall literarisch durchgespielt,
  • Andere Parabeln von Kafka, zum Beispiel: Schlag ans Hoftor, wo aus einer Kleinigkeit ein Exzess von Schuld und Strafe wird.

Weiterführende Hinweise

Wie kam Kafka auf seine z.T. sehr speziellen Erzähl-Ideen?

Wie kam Kafka auf seine z.T. sehr speziellen Erzähl-Ideen?

Wenn man wissen möchte, was das Besondere der literarischen Fantasie bei Kafka war und ist, ist eine Anmerkung von Reiner Stach in seinem Buch:

Kafka. Die Jahre der Entscheidungen. Frankfurt am Main, Fischer Taschenbuch Verlag, 2008. 2. Auflage, Seite 210ff

  • Hinweis auf eine Seite, in der der Einzelfall, dass „Ungeziefer“ als Bild abgehandelt wird
    Auf der Seite
    https://textaussage.de/schaubild-entstehung-ungeziefer-idee-kafka-verwandlung
    sind wir auf die spezielle Frage eingegangen, wie Kafka zur „Ungeziefer“-Idee in der Erzählung „Die Verwandlung“ kam. Darauf geht der Biograf Reiner Stach als erstes ein.
    Auf dieser Seite des Doppel-Schaubildes geht es nun um die ganz allgemeine Frage: Wie kommt Kafka zu seinen Bildgeschichten/Parabeln?
  • Ausgangspunkt
    sind  bei Kafka Vorstellungen und Gedankenspiele, die dann im Moment der Erkenntnis zur Idee einer Erzählung werden.
  • Sich aufdrängende Erfahrungen wiederum sind der Hintergrund für den eben genannten Ausgangspunkt der Vorstellungen und Gedankenspiele. Dazu gehören
    • Fremdheit,
    • Nichtigkeit,
    • Ausgestoßensein,
    • Stummheit.
  • Das wird dann verdichtet im Bild des Ungeziefers.
  • Interessant und wichtig für die Schule ist die Resonanz im Kopf des Lesers, denn das können Schüler ja eben leisten, dass sie sich aus ihrer Perspektive und vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen in das Bild, zum Beispiel als Ungeziefer aufzuwachen, hineinversetzen. Und dann können sie überlegen, was das bedeutet.
  • Darunter dann wieder eine Zusammenfassung:
    Bei Kafka kommt immer erst

    • die Erfahrung
    • und dann die Verdichtung in einem Bild
    • und dann die Ausgestaltung in der Erzählung.
  • Ganz am Ende unten rechts:
    Hinweis auf den Widerspruch zwischen Kafkas Selbstaussage und der Realität
    Es geht um innere Erfahrungen, nicht die logische Verknüpfung von Realität. Stach verweist auf ein Zitat von Kafka: Da betont er die Notwendigkeit seines Schreibens und dass er beim Scheitern immer das Gefühl hat, „wert hinausgekehrt zu werden„. Das erinnert natürlich an das finale Schicksal Gregor Samsas.
  • Stark verweist dann darauf, dass die Realität anders aussah: Die Familie und besonders der Vater hätte das Ende des Schreibens eher begrüßt. Das Besondere ist also, dass Kafka durchaus gegensätzliche Dinge zu einer neuen wirklichen Wirklichkeit vereint.
  • Der Schlüssel für das Kafka-Verständnis in der Schule
    scheint der Begriff der Resonanz zu sein. Dabei – wie schon angedeutet – versetzen sich die Schüler in die Bildsituation, überlegen, was sie aussagt, und haben dann die Erzählung eigentlich schon im Kern analysiert. Der Rest ist dann eine Frage der Interpretation, nämlich der Übertragung der Aussagen, zum Beispiel auf die Vorstellung von der Situation des Menschen in der Welt.
  • Hinweis auf eine ergänzende Seite, auf der Grundmuster der Erzählungen Kafkas vorgestellt werden. Das sind gewissermaßen die Erfahrungen, die dann einer bildhaften Erzählung präsentiert werden.
    https://textaussage.de/kafka-grundmuster

Weiterführende Hinweise

Franz Kafka, Infos, Tipps und Materialien – Themenseite

Kafka – Infos, Tipps und Materialien zu einem besonderen deutschsprachigen Dichter

Kafka ist ein sehr interessanter, aber auch ein etwas seltsamer Schriftsteller. Seine Geschichten sind sprachlich sehr einfach gehalten, wirken aber auf den ersten Blick fremdartig und sind zum Teil schwer zu verstehen, was ihre Aussage und Bedeutung angeht.

Wie man Kafka leicht versteht

Übersicht über die wichtigsten Parabeln (kleine Erzählungen mit „Moral“)

Wichtige einzelne Parabeln

Vergleichsmöglichkeiten



Weiterführende Hinweise


Kafkas Parabel „Gib‘s auf!“ Brüchigkeit und Irrsinn der Realität?

Anmerkungen zu Kafkas Erzählung „Gib’s auf“

Titel

Gib’s auf!

  • Ist zwar Zitat des Schutzmanns,
  • enthält aber durch die Überschrift einen allgemeinen Hinweis auf die Situation des Menschen in der Welt.
  • Und zwar als resignierender Ratschlag.
  • Inwieweit das ernst gemeint ist, muss natürlich geprüft werden, passt aber zur Grundhaltung der Werke Kafkas (Siehe die YouTube-Playlist: Kafka)
  • https://www.youtube.com/playlist?list=PLNeMBo_UQLv3da2qlaVKAHPNk2PDlUPvO

Inhaltserläuterung

„Es war sehr früh am Morgen, die Straßen rein und leer, ich ging zum Bahnhof. Als ich eine Turmuhr mit meiner Uhr verglich, sah ich, dass es schon viel später war, als ich geglaubt hatte, ich musste mich sehr beeilen, der Schrecken über diese Entdeckung ließ mich im Weg unsicher werden, ich kannte mich in dieser Stadt noch nicht sehr gut aus, glücklicherweise war ein Schutzmann in der Nähe, ich lief zu ihm und fragte ihn atemlos nach dem Weg. Er lächelte und sagte: »Von mir willst du den Weg erfahren?« »Ja«, sagte ich, »da ich ihn selbst nicht finden kann.« »Gibs auf, gibs auf«, sagte er und wandte sich mit einem großen Schwunge ab, so wie Leute, die mit ihrem Lachen allein sein wollen.“

  • Kafka beginnt mit einer ganz normalen Situation, die nach Alltag aussieht.
  • Es folgt ein kleiner Moment des Schreckens, der dann die Normalität immer mehr ins Wanken geraten lässt.
  • Typisch sind Steigerung und Höhepunkt am Ende, wo derjenige, der eigentlich Freund und Helfer der Menschen sein soll, das totale Gegenteil präsentiert.
  • Wichtig sind die Details:
    • zum einen die Wiederholung des Titelratschlags,
    • dann eine Kombination aus Selbstbewusstsein, Kraft beim Schutzmann, die aber im völligen Gegensatz zu den berechtigten Erwartungen an ihn steht, 
    • und so etwas wie gute Laune – muss dem Hilfesuchenden wie der reine Hohn vorkommen. Sie geht nämlich in eine völlig andere Richtung, als er zu Recht erwartet hat.
  • Der Ich-Erzähler interpretiert das, was er sieht, für sich wohl zu Recht  auf negative Weise. Hier zeigt sich seine Schwäche. Er ist ein Nachdenkender, kein starker Tatmensch. Er könnte ja auch protestieren, dazu fehlen ihm aber alle Voraussetzungen.

Kernaussagen / Intention: Insgesamt zeigt die Parabel,

    • dass die Normalität des Lebens jederzeit ins Wanken geraten kann
    • und am Ende ein albtraumartiger Eindruck steht,
    • vor allem für eher schwache Menschen, die „Schutz“ brauchen.

Was unklar bleibt

    • Einzelfall oder allgemeingültig?
    • Unklar: Titel als Hinweis auf die Intention oder nur Zitat einer einzelnen Person, nämlich in diesem Fall die Schutzmanns, und damit nicht allgemeingültig?
  • Hier kann man andere Werke heranziehen. Die Grundsituation passt zu vielen anderen Geschichten Kafkas, zum Beispiel auch zu „Der Schlag ans Hoftor“.

Sprache/Erzähltechnik (Möglichst immer im Zusammenhang mit dem Inhalt)

    • Einstieg: anderthalb Zeilen mit kurzen Sätzen, passt zur Alltagsnormalität auf dem Weg zur Arbeit.
    • Dann 8 Zeilen: Problem und Möglichkeit einer Lösung.
    • Zunächst kompliziertes Satzgefüge, (Aufregung und Nachdenken) dann Rückkehr zu rationaler Entscheidung und Begründung und dementsprechend Hauptsätze.
    • Dann ein kurzer Gesprächsteil mit krassem Gegensatz zwischen hoffnungsvollen Erwartungen und größtmöglicher Verweigerung, letztlich ohne Begründung, nur mit Abwendung, demonstrierter Stärke und einem Lachen, das verletzen muss, vielleicht auch die einzige Möglichkeit ist, wenn man in der Welt nur Irrsinn und vergebliche Anstrengung sieht und sich in sich selbst zurückzieht. 
    • Das zumindest begreift der Ich-Erzähler und zieht sich entsprechend auch ins eigene Denken zurück.

Kreative Idee:

Das wird hier schon eingeschoben, weil solche Ideen meistens mögliche Antworten sind, die man selbst auf offene Fragen des Textes geben kann)

    • Ob er den Ratschlag des Schutzmanns und des Titels annimmt, muss der Leser sich selbst überlegen – ein guter Anlass, um die Geschichte weiterzuschreiben.

Fazit: Zentrale künstlerische Mittel

    • Satzbau lässt sich mit der Situation erklären.
    • Ansonsten maximaler Gegensatz zwischen einfacher, normaler Sprache und maximaler Unordnung der Welt.

Thema:

  • Frage, was passiert, wenn die Normalität der Welt sich als brüchig erweist.

Aussage des Textes ist die Antwort auf die Themafrage:

  • Die Geschichte zeigt (Intention), wenn man sie verallgemeinert (Interpretation, durch Kafkas Werk legitimiert!)
    • dass der scheinbar normale  Alltag sich als unsicher bis irrsinnig erweisen kann
    • und Kapitulation, Lachen und Rückzug in die Einsamkeit vielleicht die einzigen Reaktionsmöglichkeiten sind, mit denen man sich retten kann,
    • und auch mehr oder weniger direkt empfohlen werden.

Verweis auf Robert Walser, „Der Traum“

https://textaussage.de/5-minuten-tipps-zu-robert-walser-der-traum

Weiterführende Hinweise

Kafka über seine Grundmuster „verstehen“ – was man immer wieder bei ihm findet

Kafka als Herausforderung

Kafka erscheint vielen Schülern als ein besonders schwieriger Fall, was das Verstehen seiner Erzählungen angeht.

Je mehr man kennt, desto größer das Verstehen

Wir haben die Erfahrung gemacht, die wohl dem sogenannten „qualitativen Sprung“ entspricht. Der besagt, dass eine Anhäufung von Quantität irgendwann eine neue Qualität schafft. Gemeint ist damit, dass man irgendwann begreift, dass es wiederkehrende Vorstellungen gibt.

Unser allgemeines Kafka-Verständnis

Wir sind an anderer Stelle auf Kafkas Erzählungen als „einarmige“ Parabeln eingegangen. Das sind Erzählungen, die auf einen besonderen Punkt hinauslaufen – in diesem Fall auf die Situation des Menschen in der Welt. Die wird auf unterschiedliche Art und Weise in einer Art erzählter Bildhandlung verdeutlicht.

Näheres dazu in dem Video:

Videolink

Vorläufige Übersicht über die gefundenen Grundmuster

Suche nach Grundmustern in Kafkas Erzählung

Im Folgenden versuchen wir, einen Schritt weiterzugehen, und Grundmuster zu beschreiben, die bei Kafka immer wieder deutlich werden. Es geht gewissermaßen um seine besondere Weltanschauung, die verschiedene Facetten enthält.

Was die Lücken angeht, wir arbeiten dran 😉

  1. „Eine kaiserliche Botschaft
    • Unsere Interpretation:
      https://www.relevantia.de/kafkakleinefabelheimkehr
    • Dort ist das Phänomen der unüberbrückbaren Distanz
    • beziehungsweise der vielfältigen Hindernisse besonders gut zu sehen.
    • Interessant das rhetorische Mittel der Steigerung
    • Querbezug zu “Heimkehr”
    • Querbezug zu “Vor dem Gesetz”
    • Zitat(e):
      „Der Bote hat sich gleich auf den Weg gemacht; ein kräftiger, ein unermüdlicher Mann; einmal diesen, einmal den andern Arm vorstreckend schafft er sich Bahn durch die Menge; findet er Widerstand, zeigt er auf die Brust, wo das Zeichen der Sonne ist; er kommt auch leicht vorwärts, wie kein anderer. Aber die Menge ist so groß; ihre Wohnstätten nehmen kein Ende. Öffnete sich freies Feld, wie würde er fliegen und bald wohl hörtest du das herrliche Schlagen seiner Fäuste an deiner Tür. Aber statt dessen, wie nutzlos müht er sich ab; immer noch zwängt er sich durch die Gemächer des innersten Palastes; niemals wird er sie überwinden; und gelänge ihm dies, nichts wäre gewonnen; die Treppen hinab müsste er sich kämpfen; und gelänge ihm dies, nichts wäre gewonnen; die Höfe wären zu durchmessen; und nach den Höfen der zweite umschließende Palast; und wieder Treppen und Höfe; und wieder ein Palast; und so weiter durch Jahrtausende; und stürzte er endlich aus dem äußersten Tor – aber niemals, niemals kann es geschehen -, liegt erst die Residenzstadt vor ihm“
  2. „Der plötzliche Spaziergang“
    Das ist wohl die kleine Erzählung Kafkas, die am stärksten positiv ausgerichtet ist.
    https://textaussage.de/muendliche-abiturpruefung-kafka-spaziergang-einordnung-grundmuster-gesamtwerk
  3. „Das Schweigen der Sirenen“
    (nachträglich aufgenommen und zugeordnet)
    https://textaussage.de/kafka-das-schweigen-der-sirenen
    In dieser Geschichte geht am Ende alles gut aus – sowohl für die Sirenen als auch für Odysseus.
    Allerdings geht es dem griechischen Mythos ziemlich an den Kragen – er wird letztlich ins Vage, Vieldeutige hineingedichtet.
  4. Franz Kafka, Poseidon
    (nachträglich aufgenommen und zugeordnet)
    Auch in dieser Erzählung wird eine griechische Sage neu gedeutet. Poseidon bleibt zwar der Gott der Meere, ist aber nur mit eintöniger Rechenarbeit beschäftigt. Aus der gibt es anscheinend kein Entkommen. Aber im Unterschied zu anderen Erzählungen besteht die Ausweglosigkeit hier anscheinend aus einem Treten auf der Stelle. Letztlich handelt es sich wohl um die Präsentation eines verfehlten Lebens, das man wieder als Bild für die Existenz des Menschen in der Welt verstehen kann.
    https://textaussage.de/kafka-poseidon
  5. Der Schlag ans Hoftor“

  6. Gib‘s auf
      • Unsere Interpretation:
        https://textaussage.de/kafka-gibs-auf
      • der plötzliche Verlust der Sicherheit, der Orientierung und der Unmöglichkeit der Hilfe
      • beziehungsweise der Verkehrung des Schutzmannes (Polizisten) in sein Gegenteil
      • Querbezug zu “Kleine Fabel”
      • Zitat(e):
        “… glücklicherweise war ein Schutzmann in der Nähe, ich lief zu ihm und fragte ihn atemlos nach dem Weg. Er lächelte und sagte: »Von mir willst du den Weg erfahren?« »Ja«, sagte ich, »da ich ihn selbst nicht finden kann.« »Gibs auf, gibs auf«, sagte er und wandte sich mit einem großen Schwunge ab, so wie Leute, die mit ihrem Lachen allein sein wollen.”
  7. „Der Aufbruch“
        • Der Ich-Erzähler sattelt sein Pferd und bricht auf, weil er nur so meint, sein (nicht klar benanntes) Ziel erreicht zu können.
        • Die Frage nach den Nahrungsmitteln wird mit der seltsamen Begründung zurückgewiesen, dass man unterwegs Nahrung bekommen müsse, sonst sei der Weg sowieso zu weit.
        • Ergänzung: Franz Kafka , „Die Wahrheit über Sancho Pansa“ – zumindest in der Fiktion kann man sich sogar vom Teufel befreien
          https://textaussage.de/kafka-sancho-pansa
  8. Kleine Fabel“
          • Unsere Interpretation:
            https://www.relevantia.de/kafkakleinefabelheimkehr
          • In kürzest möglicher Form die Erfahrung der Verengung der Welt beziehungsweise der Lebensmöglichkeiten
          • mit dem perversen Ausweg des Vernichtetwerdens
          • Querbezug zu „Gib‘s auf“
          • “»Ach«, sagte die Maus, »die Welt wird enger mit jedem Tag.”
          • “Du mußt nur die Laufrichtung ändern«, sagte die Katze und fraß sie.”
  1. Der Nachbar
  2. Der Kaufmann“:
    • https://www.einfach-gezeigt.de/klausur-kafka-kaufmann-vergleich-gregor-verwandlung
    • Das Gefühl der Überforderung bis hin zum Verfolgungswahn
    • Bei gleichzeitigem Leben in einer eigenen Unwahrheit, man macht sich etwas vor.
    • Zitate:
      • „Es ist möglich, daß einige Leute Mitleid mit mir haben, aber ich spüre nichts davon. Mein kleines Geschäft erfüllt mich mit Sorgen, die mich innen an Stirne und Schläfen schmerzen, aber ohne mir Zufriedenheit in Aussicht zu stellen, denn mein Geschäft ist klein.“
      • „Wenn nun am Abend eines Werktages das Geschäft gesperrt wird und ich plötzlich Stunden vor mir sehe, in denen ich für die ununterbrochenen Bedürfnisse meines Geschäftes nichts werde arbeiten können, dann wirft sich meine am Morgen weit vorausgeschickte Aufregung in mich, wie eine zurückkehrende Flut, hält es aber in mir nicht aus und ohne Ziel reißt sie mich mit.“
      • „Ich gehe dann wie auf Wellen, klappere mit den Fingern beider Hände, und mir entgegenkommenden Kindern fahre ich über das Haar.“
      • „Als der Lift sich zu heben anfängt, sage ich: »Seid still, tretet zurück, wollt ihr in den Schatten der Bäume, hinter die Draperien der Fenster, in das Laubengewölbe?«“
      • „Ich rede mit den Zähnen und die Treppengeländer gleiten an den Milchglasscheiben hinunter wie stürzendes Wasser.“
  3. „Der Steuermann“
    • Infragestellung und dann Verlust der eigenen Position durch einen plötzlich auftauchenden Konkurrenten
    • Keine Unterstützung durch die Untergebenen, die Mannschaft: vergleichbar mit dem Schutzmann in der Erzählung „Gib’s auf“
  4. „Heimkehr
    • https://textaussage.de/kafka-heimkehr-zwischen-literatur-und-autobiografie
    • Die Fremdheit des Menschen
    • Aber auch die innere Vorwegnahme möglicher negativer Beziehungserfahrungen
    • Zitate:
      • „Ich bin angekommen. Wer wird mich empfangen? Wer wartet hinter der Tür der Küche? Rauch kommt aus dem Schornstein, der Kaffee zum Abendessen wird gekocht. Ist dir heimlich, fühlst du dich zu Hause? Ich weiß es nicht, ich bin sehr unsicher. Meines Vaters Haus ist es, aber kalt steht Stück neben Stück, als wäre jedes mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, die ich teils vergessen habe, teils niemals kannte. Was kann ich ihnen nützen, was bin ich ihnen und sei ich auch des Vaters, des alten Landwirts Sohn.“
      • „Je länger man vor der Tür zögert, desto fremder wird man. Wie wäre es, wenn jetzt jemand die Tür öffnete und mich etwas fragte. Wäre ich dann nicht selbst wie einer, der sein Geheimnis wahren will.“
  5. Vor dem Gesetz
        • https://www.einfach-gezeigt.de/kafka-vor-dem-gesetz
        • Die Sehnsucht nach Sinn unter einem größeren Ordnungszusammenhang
        • Das Stoßen auf reale oder auch nur behauptete Widerstände
        • Die größtmögliche Zuspitzung auf das Nicht-zu-Einander-Kommens dessen, was zusammen gehört
        • Zitate
          • „Vor dem Gesetz steht ein Türhüter. Zu diesem Türhüter kommt ein Mann vom Lande und bittet um Eintritt in das Gesetz. Aber der Türhüter sagt, daß er ihm jetzt den Eintritt nicht gewähren könne. Der Mann überlegt und fragt dann, ob er also später werde eintreten dürfen. »Es ist möglich«, sagt der Türhüter, »jetzt aber nicht.« Da das Tor zum Gesetz offensteht wie immer und der Türhüter beiseite tritt, bückt sich der Mann, um durch das Tor in das Innere zu sehn. Als der Türhüter das merkt, lacht er und sagt: »Wenn es dich so lockt, versuche es doch, trotz meines Verbotes hineinzugehn. Merke aber: Ich bin mächtig. Und ich bin nur der unterste Türhüter. Von Saal zu Saal stehn aber Türhüter, einer mächtiger als der andere. Schon den Anblick des dritten kann nicht einmal ich mehr ertragen.«“
          • „Vor seinem Tode sammeln sich in seinem Kopfe alle Erfahrungen der ganzen Zeit zu einer Frage, die er bisher an den Türhüter noch nicht gestellt hat. Er winkt ihm zu, da er seinen erstartenden Körper nicht mehr aufrichten kann Der Türhüter muß sich tief zu ihm hinunterneigen, denn der Größenunterschied hat sich sehr zuungunsten des Mannes verändert. »Was willst du denn jetzt noch wissen?« fragt der Türhüter, »du bist unersättlich.« »Alle streben doch nach dem Gesetz«, sagt der Mann, »wieso kommt es, daß in den vielen Jahren niemand außer mir Einlass verlangt hat?« Der Türhüter erkennt, daß der Mann schon an seinem Ende ist, und, um sein vergehendes Gehör noch zu erreichen, brüllt er ihn an: »Hier konnte niemand sonst Einlass erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.«“
  6. Auf der Galerie
    • https://www.schnell-durchblicken2.de/kafka-auf-der-galerie-mp3
    • Die scheinbare Ordnung/Schönheit der Welt
    • Im Gegensatz dazu die Ahnung ihrer Brüchigkeit oder auch Schlechtigkeit
    • Querbezug zu “Eine kaiserliche Botschaft” und “Vor dem Gesetz”: Es gibt offensichtlich eine bessere Welt, aber sie ist unerreichbar.
    • Zitate:
      • „Wenn irgendeine hinfällige, lungensüchtige Kunstreiterin in der Manege auf schwankendem Pferd vor einem unermüdlichen Publikum vom peitschenschwingenden erbarmungslosen Chef monatelang ohne Unterbrechung im Kreise rundum getrieben würde, „
      • „vielleicht eilte dann ein junger Galeriebesucher die lange Treppe durch alle Ränge hinab, stürzte in die Manege, rief das: Halt! durch die Fanfaren des immer sich anpassenden Orchesters.“
      • „Da es aber nicht so ist; eine schöne Dame, weiß und rot, hereinfliegt, zwischen den Vorhängen, welche die stolzen Livrierten vor ihr öffnen; der Direktor, hingebungsvoll ihre Augen suchend, in Tierhaltung ihr entgegenatmet; vorsorglich sie auf den Apfelschimmel hebt, als wäre sie seine über alles geliebte Enkelin, die sich auf gefährliche Fahrt begibt;“
      • „da dies so ist, legt der Galeriebesucher das Gesicht auf die Brüstung und, im Schlussmarsch wie in einem schweren Traum versinkend, weint er, ohne es zu wissen.“
  7. Franz Kafka, „Der Kreisel“

Weiterführende Hinweise

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